Eine kleine Chronik des Memento e. V.
Der Verein „Memento" wurde aus der Not heraus gegründet. Das alte Torhaus am Eingang zum Weinbergfriedhof, das bereits im 19. Jahrhundert als "schlechtes Haus" bezeichnet wurde und keinen eigentlichen Eigentümer hatte, war am Verfallen. Eine jahrelange Nutzung als Gärtnerei hatte diesen Vorgang beschleunigt.

Frau Eva Lehmann, Gründungsmitglied und erste Vorsitzende des Memento e.V. erinnert sich:
Einst war das Torhaus als Leichenhalle und zur Aufbahrung der Verstorbenen der einzelnen Stände erbaut worden, dazu noch über wahrscheinlich mehrere Gruften. Als dann auch noch Deckenteile im Durchgang abfielen, musste dieser gesperrt werden. Ein schrecklicher Anblick!
Sogar Gemeindeglieder schlugen vor, das Haus endlich abzureißen.
Herr Pfarrer Buchholz, Herr Filip und ich hielten das für keine gute Lösung. Also wurde überlegt, woher wir Geld bekommen könnten, denn einen Bau konnte die Gemeinde selbst nicht stemmen. So stand schnell fest, dass wir einen Verein gründen müssten. Es gab schon einige Projekte, die von verschiedenen Stellen erarbeitet wurden, es war schließlich die Zeit der Arbeitsförderungsgesellschaften, die ständig Projekte suchten.
Wir versuchten, auf das Torhaus aufmerksam zu machen, warben z.B. am Ewigkeitssonntag. Für eine Spende gab es eine Postkarte vom Torhaus. Auch in Berlin suchten wir Verbündete, so besuchten uns der Friedhofsverband und der Vorstand der Stiftung "Historische Friedhöfe". Wir wurden zu diversen Veranstaltungen und Sitzungen eingeladen und konnten Netzwerke knüpfen. Alle ermutigten uns. Irgendwann war es dann soweit, wir hatten auch genügend Rathenower für das Thema sensibilisiert, es fand die Gründungsversammlung statt.
Eigentlich hatten wir uns den ehemaligen Landrat Dombrowski für den Vorsitz gewünscht, schon mehrfach hatte ich aus praktischen Gründen versucht ihn zu interessieren. Leider war er zur entsprechenden Sitzung nicht anwesend und da er nicht zum Vorsitzenden gewählt wurde, wurde er leider auch kein Memento-Mitglied. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren und der Vorstand feststand, arbeitete ich am Projekt "Torhaus". Vorher hatten wir über Vieles gesprochen und kamen dann zu den Vorstellungen, die wir dann auch einreichten: Das Torhaus zu einem Raum für Veranstaltungen, Leihbibliothek und Archiv zu entwickeln.
Man kann es sich aus jetziger Sicht nicht vorstellen, aber damals war das fast revolutionär. Diese Form von "Leben auf dem Friedhof" gab es noch nicht. Aber die Leute, die das Projekt prüften, waren begeistert. Wir wurden in "Zukunft im Stadtteil" aufgenommen und es wurden Mittel von Land, Bund, Kommune und Kirche und natürlich Memento zugesagt. Mit Veranstaltungen in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche sowie im Haus Kirchplatz 10 versuchten wir zunächst auf unser Anliegen aufmerksam zu machen und die Rathenower für den Historischen Friedhof zu sensibilisieren.
Ein Gitarrenorchester aus Karlsruhe spielte, Prof. Mrugowski erzählte von einer Kindheit in der DDR, die erstaunlicherweise keinen politischen Belastungen ausgesetzt war trotz des sehr schwierigen Erbes als Kind eines Kriegsverbrechers, es gab eine gemeinsame Ausstellung von 3 Malern (u.a. auch Herrn Handschuh). Die Adenauer-Stiftung stellte uns etliche interessante Dozenten zur Verfügung, es gab eine große Regine-Hildebrand-Ausstellung einer bekannten Fotografin, eine Bollhagen-Verkaufsausstellung und wir organisierten einen "Historischen Markt" um die Kirche herum.
Es machten sehr viele Aussteller, vom Besenbinder bis zu Reitern in preussischer Husarenuniform mit. Alle Teilnehmer waren kostümiert, auch unsere "Patenklasse" aus der damaligen Altstadtschule machte mit und verkaufte Stullen. Es gab sogar einen Schäfer mit seinen Tieren auf der Wiese (Wolf Schöne hatte seinen Sohn glashart überzeugt). Es wurde ein voller Erfolg, ein Riesen-Spaß für alle und es flossen viele Spenden in unser Projekt. Auch von den Rotariern und vielen Rathenowern, und auch von Menschen, die irgendwo in Deutschland lebten und bemerkenswert vielen, eigentlich kirchenfernen Bürgern.
Die Architektin Frau Euen gewann dann die Ausschreibung und es ging zügig voran. Mit einer großen Veranstaltung wurde die Eröffnung gefeiert, dabei wurden Bilder aus dem alten Rathenow gezeigt, die das Kulturhaus zur Verfügung gestellt hatte und eine Auswahl der Bilder Gerhard Henschels. Es war eine sehr fröhliche Veranstaltung und es kamen tatsächlich Beschwerden, weil es unmöglich sei, so lustig auf einem Friedhof zu sein und dazu auch noch Sekt zu trinken! Viele Beschwerden gab es aber weiterhin nicht mehr. Ganz schnell hatte man sich an die kulturellen Aktivitäten im Torhaus gewöhnt. Und es gab sehr viele davon: Konzerte, Lesungen, Ausstellungen.
Bekannte Künstler kamen zu uns, viele bekannte Schriftsteller, so war Lutz Rathenow mehrfach da. Musiker wie Jaspar Libuda, Maler wie Gerd Mackensen, Jo Heisig, Wolfgang Sterrer, Lars Lehmann und viele mehr, jährlich fanden etwa 4 Ausstellungen statt, mehrere Lesungen und Musiken jährlich über 20 Jahre. Unsere Patenklasse kam zu Friedhofs-Pflegeinsätzen und suchte die Spuren des Fliegers Dreblow.
Dazu konnten wir auch eine ABM-Stelle einrichten, durch die die Schüler unterstützt wurden bei Recherchen z.B. in Berliner Archiven. Im Rahmen dieser Aktivitäten wurden wir auch von der argentinischen Botschaft eingeladen, lernten dabei den Sohn des Abenteurers Plüschow kennen. Eine super Erfahrung war die Veranstaltung mit Prof. Rabehl - unter Polizeischutz - Pfarrer Buchholz und ich wehrten eine Fernsehkamera ab.
Bernd Rabehl, ein alter Rathenower, ist eine Figur aus der 68-Szene, war lange als Uni-Professor in Brasilien und der FU Berlin tätig und durch eine Bemerkung in die "rechte Ecke " gestellt worden. So wurde versucht, auch uns zu stigmatisieren. Das gelang nicht, es wurde eine Veranstaltung, die begeisterte und zum Schluss saßen der Professor und sein ursprünglich schärfster Kritiker im traulichen Gespräch auf der Bank. Wir waren davon ausgegangen, dass Rabehl kein Nazi sein würde, natürlich hatten wir uns vorher kundig gemacht und mit einigen seiner Freunde gesprochen.
Ein großer Erfolg war auch die Veranstaltung mit Dietrich Le Jeune-Jung, wir hatten ihn zuvor in Berlin besucht. Er ist ein Groß-Neffe des als Widerständler hingerichteten und in Rathenow geborenen Sohnes des Erbauers von Friedrichshöhe auf dem Weinberg, im Reichstag wird seiner gedacht. Die Kultusministerin Johanna Wanka besuchte uns zwei Mal, einmal vor dem Bau des Torhauses und einmal im Rahmen der Kooperation mit der nunmehrigen Duncker-Schule.
Einer der Schüler entwarf auch unser Signet (das bewahrte uns wohl auch vor anderen Graffities). In den ersten 10 Jahren hatten wir die personellen Möglichkeiten, das Haus ganzjährig offen zu halten. Das ist leider nicht mehr möglich, schränkt natürlich auch den Tätigkeitsrahmen ein. Der Friedhof rückte immer mehr ins öffentliche Bewusstsein. Der neue Umgang mit einem so alten Friedhof (wohl mit der älteste noch "arbeitende" im deutschen Raum) erregte Interesse, so dass auch Radio und Fernsehen hier waren.
Der Berliner Friedhofsverband hatte uns schon vor dem Bau Mut gemacht, denn manchmal glaubten wir fast selber nicht das schaffen zu können. War dieser Friedhof wirklich so schön, war nicht schon zu Vieles unwiederbringlich zerstört?
Wir suchten nach alten Grabstätten, deren Steine schon lange verschwunden waren, so wurde der Eigendorff-Stein erneuert und durch den Heimatverein wiedererrichtet. Durch Spenden wurde ein Stein für Max Hobrecht an alter Stelle aufgestellt. Der Handarbeitsverein ließ einen wunderschönen Stein für den Maler Ernst Kolbe aufstellen, der das Interesse des Westpreußischen Museums erregte, dass von der Aktion begeistert war. Der Stein für Christoph von Goerne wurde durch Frau v. Fintel und Memento finanziert mit Unterstützung von Rolf Eißer.
Grabstätten konnten wider zugeordnet werden und geschichtliche Zusammenhänge erkannt werden. Rathenow hat sehr wenig sichtbare Erinnerungen in der Stadt mit dem Mittel alter Grabstätten zu heilen. Ein Friedhof ist das Geschichtsbuch des Ortes und das ist in Rathenow angenommen worden.
Die CDU half beim Blumschen Gewölbe und der Specht-Grabstätte, es gibt aber noch jede Menge zu tun. Die ersten Stolpersteine wurden durch Memento initiiert und durch Spenden bezahlt. Die Patenklasse übergab die durch uns bestellten Steine an den Bürgermeister, die dann durch den Künstler Demnig verlegt wurden.
Als nächstes wurde der im Krieg zerstötete Turm der Auferstehungskirche in Angriff genommen. Wir starteten die Aktion "Drei Türme für Rathenow". Dabei stellten wir fest, dass viele Bürger gar nicht wussten, dass es überhaupt einmal einen Turm gegeben hatte. Es wurde kein einfacher Spaziergang, der Untergrund um die Kirche ist nun mal kein einfacher, ein Kraneinsatż war schwierig. Die bauausführende Firma wollte an dem Tag, als der Turmaufsatz aufgestellt werden sollte, keine Beteiligung von Besuchern.
Aber irgendwie haben es wohl ein paar Vögelchen gezwitschert, denn unter dem Geläut von St.-Marien-Andreas wurde die Turmspitze im strahlenden Sonnenschein und dem Applaus von vielen Spendern und Bürgern aufgesetzt. Auch das Dach, das völlig marode war (es regnete etliche Male durch direkt neben den Altar) wurde erneuert. Es wurde dadurch sichtbar, um was für eine tolle Konstruktion es sich handelt. Die Kirche ist ein beeindruckendes Bauwerk mit einer ganz eigenen Atmosphäre und Akustik, das wird immer wieder von konzertierenden Künstlern geäußert. Auch das Altargemälde stammt von Carl Steinberg, der unter anderem Malerei studiert hatte.
Die Beleuchtung wurde durch Spenden erneuert, die Eingangstüre neu gestrichen. Auch eine Darstellung des Abendmahles wurde angebracht, die von der Witwe des Bildhauers Volker Roth gespendet wurde. An mehreren Stellen findet man Roths Kunst auf dem Friedhof.
Wir versuchten, einen neuen Umgang mit dem Friedhof zu installieren, organisierten eine Fahrt zum Wald-Friedhof Stahnsdorf, organisierten Konzerte in und vor der Kirche. Leben und Sterben gehören zusammen und ein unverkrampfter Umgang mit der Auferstehungskirche, die bewusst nicht mehr "Friedhofskirche" genannt wird, entstand.
Ein Spaziergang nachts um 01:00 Uhr über den Friedhof wäre manchen vor ein paar Jahren absurd vorgekommen, wurde nun, im Licht der Kerzen, nach nächtlichem Konzert, als wunderbar empfunden. Dieser "leichte" Umgang mit dem Friedhof bewirkt, dass der älteste Teil (Abt. 1) wieder mehr Interesse erregte und mehr Bestattungen und Reservierungen erfolgten.
Dringend müsste nun eine Innenerneuerung der Kirche erfolgen und die Holzdecke repariert bzw. erneuert werden. Mitarbeiter des Denkmalschutzes waren bereits vor Ort und verwiesen auf mögliche Förderungen.
Die Initiative zur Kennzeichnung von Optikergräbern wurde in Zusammenarbeit mit Herrn Eiẞer gestartet. Das wurde durch die Arbeit von Herrn Manns inspiriert, der ein Buch zu den Optiker-Gräbern auf unserem Friedhof erarbeitete. Es ist davon auszugehen, dass sich hier die meisten Optikergräber auf einem Friedhof befinden. Diese Aktion wird hoffentlich weitergeführt. Die Stadtverwaltung hat einige Ehrengräber auf dem Friedhof, u.a. Penning, Husaren, allerdings scheinen sie wohl in Vergessenheit geraten zu sein.
Es gibt auch einige unscheinbare, aber noch erhaltene Gräber, die weiterhin gepflegt werden müssten. Es wurde schon zu vieles aus Unwissenheit oder weil es so vorgegeben wurde, zerstört. Schön ist, dass in letzter Zeit Rathenower ihre alten, aufgegebenen Stellen wieder restauriert haben oder alte Stellen übernommen haben. Das Bewusstsein für den Wert des Alten Friedhofes ist durchaus geweckt.
Wenn Kircheninneres und die Treppe irgendwann einmal wieder restauriert sind, sollte man unbedingt die Grabstätte der Familie Le Jeune wiedererstehen lassen, einer Familie, deren Schicksal Zeitgeschichte widerspiegelt. Ein Mitglied dieser Familie, den o.g. Nachfahren hatten wir im Torhaus kennengelernt, er wurde als Widerständler 1943 hingerichtet, ihm wird im Reichstag gedacht, warum nicht auch in Rathenow?
Eva Lehmann – Gründungsmitglied und erste Vorsitzende des Memento e.V.